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© by Jens Sieckmann |
Muss man noch viel Worte über Venedig verlieren? Eigentlich nicht, es wurde schon alles gesagt. Da wird mit Superlativen um sich geworfen und in den höchsten Tönen gelobt. Doch oftmals sind die Erwartungen auch so enorm, dass sie im Nachhinein nicht erfüllt werden können. Legt man die Messlatte von Anfang an nicht so hoch, kann man schon einmal die ein oder andere Überraschung erleben.
Als verliebtes und frisch verheiratetes Paar ist Venedig natürlich ein Traumziel. Für einen jungen Single, der sich die Nächte in Discotheken um die Ohren schlagen möchte, wohl eher ein Albtraum. Einen Reiseführer sollte man zumindest schon einmal überflogen haben, um sich über die dortigen Verhältnisse im Klaren zu sein. Wir waren es, als wir unsere Reise mitten im Sommer an einem Wochenende antraten, also dem von vielen düster ausgemalten "Horrorszenario". Ich persönlich hatte Schlimmeres erwartet. Dass ich auf dem Markusplatz keinen Fuß vor den anderen gesetzt bekäme oder ich ausgeraubt würde. Dem war zum Glück nicht so. Auch den von vielen erwähnte Gestank in den Kanälen nahm ich nicht wahr. Was die Preise anbelangte, kann man nicht behaupten, dass Venedig eine teure Stadt ist, zumindest nicht im Durchschnitt gesehen. Wer im Café Florian am Markusplatz einen Capuccino trinkt, ist halt selbst schuld, oder schmeißt mit dem Geld sowieso um sich. Erspart man sich die Gondelfahrt ebenfalls und nächtigt in einem 2- oder 3-Sterne Hotel ist die Reise nicht teuerer als in anderen Großstädten auch. Wir haben zweimal für sechs Euro Pasta gegessen. Hier war es wirklich ein Fehler zu sparen, denn das Essen war unterdurchschnittlich. Die berühmte Touristenabzocke ist natürlich auch hier anzutreffen. Wenn man für den Besuch des Dogenpalastes elf Euro bezahlen muss und dafür ein Kombiticket erhält, dass für drei weitere Museen gilt, dann ist das für mich eine Zwangsabgabe.
In den zahlreichen kleinen Lebensmittelläden machen Nudeln den größten Teil des Angebots aus. In allen Formen, Farben und Größen stehen sie im Schaufenster. Wein und Grappa sind die Exportschlager Nummer eins in flüssiger Form. Um die Mittagszeit kann man sich gut ein Panini oder ein mit Auberginen, Paprika und Oliven belegtes Fladenbrot genehmigen. Ein cremig-sahniges Eis ist natürlich auch Pflicht. Das, was die Stadt so einzigartig macht, ist ihre Lage in der Lagune. Die auf Pfählen gebaute Stadt wird von einem engmaschigen Kanalnetz durchzogen, dass zusammen mit den verwinkelten Gassen Venedig zu einem Labyrinth macht. Auch mit gutem Orientierungssinn ist man auf einen Stadtplan angewiesen, wenn man sich zielgerichtet bewegen will. Ein "planloser" Spaziergang ist aber dennoch zu empfehlen, weil es an viele Ecken schöne Hausfassaden oder einen hübschen Platz zum Verschnaufen gibt. Und das alles ohne Autos!
Venedigs ruhmreiche Vergangenheit als Seefahrernation und seine kulturelle Blüte im Mittelalter ist auch seine Hauptattraktion in der heutigen Zeit. Die Monumente und Bauwerke sind exorbitant. Insbesondere der Dogenpalast hat mich sehr beeindruckt und braucht keinen Vergleich zu Versailles oder Schloss Schönbrunn zu scheuen. Italiens größte Künstler arbeiteten in Venedig. Die Maler Tizian und Tintoretto statteten den Dogenpalast, die Basilica dei Frari und die Scuola di San Rocco aus. Doch nicht nur die Paläste und Kirchen sind sehenswert, auch die vielerorts restaurierten Hausfassaden, Balkone und kleinen Brücken machen viel von der verträumten venezianischen Atmosphäre aus. Zudem ist das Meer nie weit. Die Industrie wurde erfolgreich weit in die Außenbezirke verbannt. Auch wenn das möglicherweise wirtschaftliche Einbußen mit sich bringt, ist doch die Originalität der Stadt erhalten geblieben. Das ist das, was die Touristen und damit auch die Einheimischen interessiert, die von ihnen leben. Die Venezianer (ich weiß nicht, inwiefern sie sich von den anderen Italienern unterscheiden) sind nicht überaus freundlich, aber höflich. In den Gassen pfeifen sie gerne mal ein Liedchen und zücken sofort den Regenschirm, sobald ein Tropfen vom Himmel fällt. Das war zumindest mein Eindruck. Das Schlimmste neben der zeitweisen Fülle in der Stadt waren die Souvenirläden bzw. die Straßenstände. Auf ein hochwertiges Geschäft (z.B. am Fuß der Rialtobrücke rechts des Canal grande) kommen fünf Ramschläden. "Glaskunst" und Masken lösen bei mir seit Venedig jedes mal ein Trauma aus. Für uns als Paar war der Venedigaufenthalt ein wunderschöner Kurzurlaub. Man sollte sich mindestens zwei volle Tage Zeit nehmen, um die Stadt kennen zu lernen. Für diejenigen, die nicht romantisch veranlagt sind, bleibt immer noch die architektonisch und künstlerische Seite, die auch nüchtern betrachtet, dem Besucher unglaublich viel bietet. |
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