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© by Jens Sieckmann

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Für den Urlaub in Bayern und Österreich fassten wir den Entschluss - oder genauer: meine Freundin Stéphanie - als wir uns alte Filmaufnahmen eines Urlaubs meiner Familie in den 80er Jahren angesehen hatten. Besonders die majestätischen Berge am Königssee und die Zwiebeltürme der Kirchen hatten es ihr angetan. Auch mich begeisterte diese grandiose ursprüngliche Kulisse im Südosten Deutschlands, und so machte ich mich daran, für diese Reise entsprechende Vorbereitungen zu treffen.

Dass wir Rad fahren wollten, stand bereits fest, doch es blieb die Frage wie und auf welchem Wege genau wir das Gebiet erkunden wollten. Als ich den Katalog des Radreiseveranstalter Austria Radreisen in den Händen hielt, fielen mir die Radwege Bodensee-Königssee und der mir bis dahin völlig unbekannte Mozart-Radweg ins Auge. Letzterer war für uns etwas einfacher mit dem Auto zu erreichen, und so fiel die Entscheidung auf den erst 2003 eingeweihten Komponisten-Radweg, ohne allerdings das Salzkammergut östlich von Salzburg einschließlich des Wolfgangsees zu besuchen.

Unterkünfte:

Wir organisierten die Reise selbst, ohne Übernachtungen im Voraus zu buchen, abgesehen von der Unterkünften an unserem Start/Ziel in Wasserburg. Dies stellte sich als gut und richtig heraus, denn um diese Zeit, Mitte Juni, ließen sich selbst in den touristischsten Städtchen ohne langwierige Suche noch Quartiere finden.

Die Gastgeber waren größtenteils sehr freundlich, abgesehen von einer Ausnahme. Hier hatte wir uns kurzfristig gegen das Frühstück entschieden, was der Dame wohl nicht sehr gefiel und uns die Mahlzeit trotzdem noch zum halben Preis berechnete. Im Badezimmer hing ein DIN A4-Blatt, auf dem "eine Dusche 80 Cent" stand. Entweder sollte das zum Wassersparen auffordern oder es hing versehentlich dort. Zusätzlich bezahlen mussten wir dafür nicht und hätten wir auch nicht.

Die Unterkünfte waren ruhig und angenehm und kosteten zwischen 13,- und 20,- Euro pro Person im Doppelzimmer. Die großen, typisch bayerischen und österreichischen Häuser mit den verzierten Holzbalkonen boten viel Platz für Ferienwohnungen und zahlreiche Zimmer. In Unken im Tirol war die Lage auf dem Berg über der Saalach am herrlichsten. Hier genossen wir den Urlaub auf dem Bauernhof in doppeltem Sinne, da wir zum Frühstück frische Milch und selbst gemachten Joghurt aufgetischt bekamen.

Für Radfahrer sind Privatunterkünfte eine lohnende Sache. Sie sind günstig, zahlreich und oft in der Natur oder am Stadtrand gelegen. Das Frühstück, die wichtigste Mahlzeit für den Radler, ist in den Kosten meistens bereits enthalten.

Selbstverständlich finden sich entlang des Mozart-Radweges auch luxuriösere Herbergen, besonders in den größeren Städten, aber auch auf dem Land. Beispielsweise im Tirol und Berchtesgadener Land sind einige noble Gasthäuser zu finden, die neben der Übernachtung viele weitere Attraktionen, wie z.B. einen ausgedehnten Wellness-Bereich, bieten.

Der Radweg:

Wie schon erwähnt ist der Radweg ganz frisch erst im Mai diesen Jahres eröffnet worden. Diese Tatsache ist im Verlauf der Tour leider nicht zu übersehen. Die Beschilderung ist qualitativ äußerst unterschiedlich und teilweise sogar irreführend. Während die Wegweisung am Inn, wo sie eigentlich am wenigsten notwendig ist, gut ist, entfällt sie nach Rosenheim in Österreich völlig, bis man in Lofer wieder überrascht auf den Mozart-Kopf trifft. Wüsste man den als nächstes anzusteuernden Ort nicht, wäre man an der einen oder anderen Stelle ziemlich ratlos.

Mein Bikeline-Buch hat mir hier sehr gute Dienste geleistet, weil dort die Wegbeschreibungen ausführlich und präzise sind. Nichtsdestotrotz decken sich diese Beschreibungen mit der Beschilderung nicht zu hunsert Prozent. Nach dem falschen Schild kurz vor Schönram nahe des Waginger Sees, verließ ich mich lieber auf die Bikeline-Beschreibungen, womit ich immer gut bedient war. Fairerweise muss man auch auf den Konkurrenten hinweisen, der ebenfalls ein Buch zum Mozart-Radweg herausgebracht hat, und zwar vom Verlag Schubert & Franzke.

Das vom Fremdenverkehrsamt vergebene Prädikat "familientauglich" will ich nicht für den gesamten Verlauf des Weges gelten lassen. Kurz vor Lofer im Tirol führt der Radweg, der zwar dort nicht explizit als Mozart-Radweg ausgeschildert ist, es nach der Bikeline-Beschreibung aber sein muss, entlang des wunderschönen Loferbachs durch den Wald. Der einen Meter breite Trampelpfad ist von hohen Wurzeln und großen Steinen übersät, die mehr als einmal zum Absteigen zwingen. Dies ist ein Ärgernis, das aber angesichts der wunderschönen Umgebung schnell vergessen ist.

Auch einige Steigungen sind kaum zumutbar, wie beispielsweise der Pass Hallthurm hinter Bad Reichenhall, der auf Schotterweg nach einer guten Übersetzung und Kondition bei 16 bis 20 Prozent Steigung verlangt. Die Alternative wäre, wie so oft, die Hauptstraße. Ein Fahrrad mit einer guten Gangschaltung, am besten ein Trekking-Rad oder Mountainbike ist absolut empfehlenswert.

Landschaft:

Verleiht man diesen Aspekten nicht soviel Gewicht, ist der Genuss der facettenreichen Landschaft umso größer. Von unserem Startpunkt, in Wasserburg, waren bereits die Alpen im Tirol zu erkennen. Entlang des Inns durch Rosenheim wuchsen einem die Berge förmlich entgegen, bis sie in Österreich zum Greifen nahe waren. Lange Zeit fährt man am Fuße monströser Bergformationen des Kaisergebirges vorbei, die bei schönem Wetter einen markanten Farbkontrast zu den Wäldern und Flüssen bilden.

Auch im bergigen Tirol wird man häufig von Gebirgsbächen, die oft den Namen "Ache" tragen, begleitet. Ab Lofer ist es die flotte, die Berge tief durchschneidende Saalach, an deren Seite der Radler durch Wälder und Wiesen fährt. Der für mich schönste Teil der gesamten Tour verläuft hier bis Bad Reichenhall auf einer Variante des Tauernradwegs.

Berchtesgaden ist ebenso ein Besuch wert wie der eigentlich nicht am Radweg liegende Königssee, der aber aufgrund seiner Nähe zu Berchtesgaden zum Pflichtziel wird. Das ganze Gebiet steht unter Naturschutz, ist sogar deutscher Nationalpark und Biosphärenreservat der UNESCO. Und wer das berühmte Trompetenecho und die Kirche St. Bartholomä nicht verpassen will, kommt sowieso nicht um den Königssee herum.

Ebenso lohnt sich ein Ausflug in luftige Höhen mit der Jenner- oder Obersalzbergbahn. Noch viel interessanter als für den Radfahrer ist diese Region für den Wanderer, der hier zahlreiche Wege erkunden kann. Eine sportliche Herausforderung stellt die Fahrt per Mountainbike zum Kehlsteinhaus dar, das über eine bis zu 24 Prozent ansteigende Passstraße zu erreichen ist.

Weniger spektakulär ist die Salzach nach Salzburg und er beginnende Chiemgau. Nicht mehr die Berge bestimmen die Landschaft, sondern Felder und Seen beherrschen mehr und mehr das Gebiet. Nach dem Waginger See ist das bayerische Meer nicht mehr weit. Der Chiemsee bietet seine ganz eigenen Reize der Erholung und Entspannung, gilt aber ebenso als Kulturregion. Schließlich waren es die Künstler, besonders die Maler, die dem See zunehmende Bedeutung nicht nur im touristischen Sinne verliehen.

Kultur:

Zwar lohnt es sich durchaus, allein wegen der landschaftlichen Reize, Oberbayern und den angrenzenden Teil Österreichs zu besuchen, doch ist das dortige Kulturgut ebenso sehenswert. Die Innstädte mit ihrer auffälligen Bauweise, allen voran Wasserburg, das dicht gedrängt in die enge Innschleife gebaut wurde, zählen zu den schönsten des gesamten Radwegs. Rosenheim und Kufstein und besonders die kleine Dörfer nahe des Inns, wie Neubeuern, sind nicht selten eine Augenweide. Gerade hier lassen die Restaurationsarbeiten und die verzierten Häuser viel Liebe zum Detail erkennen.

Bad Reichenhall und Berchtesgaden wurden nicht nur vom vergangenen bayerischen Herrschaftssystem geprägt - man besuche das Königliche Schloss -, sondern auch vom damaligen Wirtschaftsgut Nummer eins, dem Salz. Die alte Salinenstraße und das Salzmuseum laden zum Verweilen ein.

Wer mehr über deutsche Geschichte, besonders den Teil, auf den wir weniger stolz sein können, erfahren möchte, besucht den Obersalzberg, wo die Bedeutung der Region im Dritten Reich dokumentiert ist. Nicht weit entfernt hoch oben auf dem Berg befindet sich das Kehlsteinhaus, von dem man einen fantastischen Blick auf das Berchtesgadener Land genießt.

Eines der kulturellen Highlights ist selbstverständlich Salzburg, die Stadt des Komponisten aller Komponisten: Mozart. Hier lassen sich problemlos mehrere Tage verbringen, möchte man alle Sehenswürdigkeiten ausführlich erkunden. Von der Festung Hohensalzburg, über den Dom, den Festspielhäusern und dem Schloss Mirabell auf der anderen Seite der Salzach, bis zum Geburts- und Wohnhaus Mozarts und dem Haus der Natur.

Nicht auslassen darf man die Inseln des Chiemsees. Während die Herreninsel von der unvollendeten Kopie des Versailler Schlosses beherrscht ist, bietet die Fraueninsel eine Benediktinerabtei und einen kurzen Rundgang vorbei an den hübschen Gärten der Anwohner.

Ein besonderer Sitte der Bayern lässt sich einfach nicht übersehen: die Maibäume, die die Dörfer schmücken, ragen 20 Meter in die Höhe und deren Tradition viele Jahrhunderte in die Vergangenheit zurück, denn der Brauch des Maibaumaufstellens mit ursprünglich segensbringender und lebensspendender Intention ist sehr alt.

Das blauweiße Wappen Bayerns läuft einem immer wieder über den Weg. Auch auf den vielen Festen, die die Bayern auf ihre ganz eigene Weise feiern. Wir durften eines glücklicherweise in Berchtesgaden selbst miterleben. In Zelten werden Schweinshaxen und Maßbier serviert. Die Kapelle spielt Volksmusik und Schlager, und das gar nicht mal schlecht. Auch wenn zu unserer Zeit das Fest nicht stark besucht war, kam gute Stimmung auf, und gegen ich fing unfreiwillig an, mit der Musik zu schunkeln.

Fazit:

So ist abschließend zu sagen, dass wir auf dem Mozart-Radweg einen sehr schönen Urlaub verbrachten. Sportlich verhalten anspruchsvoll, kulturell und landschaftlich reich, kann ich diese Tour fast uneingeschränkt weiterempfehlen. Die kleinen Ungereimtheiten, wie etwa die zuvor genannte unvollständige Beschilderung, fallen nicht bedeutsam ins Gewicht und können vom Fremdenverkehrsamt in Zukunft ausgemerzt werden.