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© by Jens Sieckmann |
Kompaktbericht:Zusammenfassender Kompaktbericht der gesamten Tour. Das Fahrrad im GepäckGleich nach unserer Ankunft in Keflavík am späten Sonntag abend um 23:00 Uhr schloss das Flughafenpersonal hinter uns eilig die Türen des Gebäudes, so dass wir kaum genug Zeit hatten, unsere Räder samt Gepäck fahrtauglich zusammenzubauen. Als wollte man uns sagen: "Nun fahrt schon, Island hat so viel zu bieten!". Das hat es in der Tat. Jetzt waren wir auf uns allein gestellt. Eine vierwöchige Tour mit Mountainbikes, Zelt und Kocher auf der heißkalten Insel im hohen Norden Europas verlangt eine gute physische Konstitution und etwas Leidensfähigkeit, aber belohnt mit einzigartigen Phänomenen und freundlichen Menschen. Eine gute Streckenplanung mit Alternativrouten beugt unerfreulichen Überraschungen vor. Weiden, Wiesen, WikingerVon der oft zitierten Einsamkeit der Wikinger-Insel konnten wir uns zunächst nicht überzeugen, als wir auf den nassen, stark befahrenen Straßen der südwestlichen Reykjanes-Halbinsel versuchten, die Hauptstadtregion großräumig zu umfahren. Erst einige Kilometer nach Reykjavík verminderte sich der Verkehr in gleichem Maße wie das Grün der Umgebung zunahm. Ausgedehnte Lavafelder wurden von Wiesen abgelöst, kahle Felsen wichen bewachsenen Hügeln und später Bergen. Der Weg führte uns ins in den Nationalpark Þingvellir, wasserreicher Lebensraum zahlreicher Pflanzen und Tiere, Schauplatz diverser Sagen und langjähriges Zentrum isländischer Kultur. Schon im Jahre 930 trat hier die erste Nationalversammlung Islands zur Gründung eines Parlaments zusammen. Vom unberechenbaren Wetter erlebten wir kurz vor Geysir eine ganz besondere Facette: Hagel! Stürmischer Wind blies uns von links zur Fahrbahnmitte, so dass man sich wie in einer steilen Kurve schräg legen musste, um nicht im Straßengraben zu landen. Es war weit und breit keine Unterstellmöglichkeit zu erkennen. Wegen der zu hastig über die Schuhe gezogenen Gamaschen füllten sich erstere in wenigen Sekunden mit kaltem Wasser. Jedes der auf die steifen Hände prasselnden Hagelkörner kam einem Nadelstich gleich. Das Ganze war um so trauriger mitanzuschauen, weil rings um der direkt über unseren Köpfen befindlichen schwarzen, unheilbringenden Wolke, der Himmel in schönem Blau erstrahlte. Wasser springt, Wasser fälltDer legendäre Geysir ist Namensgeber aller Springquellen dieser Welt. Doch im romantischen Abendlicht ohne jeglichen Touristenandrang spie nur einer: Strokkur, der im Gegensatz zu seinem großen ruhenden Bruder aktive Geysir stieß fauchend regelmäßig eine 30 Meter hohe Fontäne in die Luft. Nutzbare heiße Quellen sind ein Eldorado für den erschöpften Radfahrer. Nichts ist schöner, als nach einem anstrengenden Tag den müden Beinen in einem "Hot-Tub" eine wohltuende Ruhepause zu gönnen. Selbst auf einigen Campingplätzen fanden wir diese praktische Einrichtung vor. Die im Verhältnis zur Bevölkerung überproportional große Anzahl Schwimmbäder beweist die Popularität dieses Sports auf Island. Die wohl populärste heiße Quelle ist die Blaue Lagune nahe Keflavík. Das mit Schwefel und Salz angereicherte Wasser soll angeblich insbesondere bei Hautkrankheiten heilend wirken. Für 880 Kronen (ca. 20 DM) Eintritt konnte man dort den ganzen Tag das hochmoderne, aber trotzdem natürliche und angenehme Ambiente genießen. Entspannung pur. Nicht weit entfernt vom Geysir lag Islands berühmtester Wasserfall: der Gullfoss. Bei herrlichem Wetter konnten wir die volle Pracht des nassen Ungetüms, das in zwei Stufen über 32 Meter in eine tiefe, lange Schlucht fällt, bewundern. Das dumpfe Grollen der Wassermassen des Flusses Hvítá dröhnte in den Ohren. Nur ein paar Meter entfernt auf der natürlichen Gesteinsplattform der Ebene zwischen den beiden Fallstufen übermannte uns die Mächtigkeit dieses Naturwunders in seiner vollen Intensität. Pannen im HochlandKein Radurlauber kann von sich behaupten, Island zu kennen, ohne eine Hochlandpiste befahren zu haben. Den Mountaintrack, den mein Begleiter Peter und ich bezwangen, verlief nördlich von Þingvellir über den "Ochsenrücken" (Uxahryggir) bis zur Küstenstadt Borganes. Mehrere 18 Prozent-Steigungen ließen bei Sonnenschein den Schweiß in Bächen fließen. Die Schotterstrecke verlangte höchste Aufmerksamkeit, wodurch der abrupte Landschaftswechsel zur kargen Geröllwüste um so unwirklicher erschien. Kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze. Nur wir. Island total! Nicht nur für uns, sondern auch für die Fahrräder stellte diese Etappe eine enorme Belastungsprobe dar. Pannen blieben nicht aus. Aufgrund einiger Speichenbrüche und eines Problems mit den Ritzeln mussten wir die Hilfsbereitschaft der Isländer in Form von Mitfahr- und Transportgelegenheiten in Anspruch nehmen. Dies ging sogar soweit, dass ein freundlicher Fliesenleger mit seinem Kleinbus auf dem Weg von seiner Arbeit nach Hause uns, unsere beiden Räder und das Gepäck zur nächstgelegenen Stadt beförderte. "No problem!". Der Norden Islands bot neben grünen Tälern, breiten Buchten und großflächigen Pferde- und Schafsweiden auch ein Zentrum isländischer Lebenskultur: Akureyri. Die heimliche Hauptstadt des Nordens konnte mit hübschen Cafés, einer kleinen Einkaufsstraße, einer modernen Kirche, dem Botanischen Garten und vielem mehr aufwarten. Eingerahmt wurde sie einerseits von schneebedeckten Anderhalbtausendern, andererseits vom tief ins Land einschneidenden Fjord Eyjafjörður. Das Land der KontrasteGeologen finden auf Island ein Paradies vor. Im Gebiet des Myvatn herrschen kalte Berggipfel neben bizarren Lavaformationen. Heiße Grotten, Vulkankrater und dampfende Schwefelquellen fallen dem Beobachter ins Auge. Island polarisiert. Es war fantastisch, all diese Eindrücke hier an der Lebensader des Planeten hautnah aus eigener Kraft mit dem Rad zu "erfahren". Auch der Hobbybiologe wird wegen der vielfältigen Vogelpopulation den "Mückensees" (die Übersetzung von Myvatn) zu schätzen wissen. Eine solche Region, reich an verschiedensten Sehenswürdigkeiten, lockt Touristen aus aller Welt an. Auf dem idyllischen Campingplatz direkt am See trafen wir ein italienisches Paar, das sich ein halbes Jahr Zeit nahm, Europa mit dem Fahrrad zu erkunden. Ein routinierter Berliner Biker, der schon die USA von Ost nach West durchradelt hatte, war dieses Jahr bereits zum vierten Mal auf Island und gestand uns seine Liebe zum nordischen Eiland ein. Das Teilhaben an solchen Erfahrungen anderer, der Austausch von Anekdoten und einfach das unbeschwerte Gespräch unter Gleichgesinnten sind der Zuckerguss jeder Radreise. Mit dem Bus durch die OstfjordeVon vorneherein hatten wir geplant, ein Teil unserer Tour mit dem Bus zurückzulegen. Dieser Abschnitt war der durch unwirtliche und vegetationslose Gesteinsfelder geprägte Nordosten und nahezu der gesamte Osten bis zur Küstenstadt Höfn. Der Bus quälte sich röchelnd auf der steilen Schotterstraße die Berge hinauf, als segnete er gleich das Zeitliche. Einige Stopps ließen uns Gelegenheit, die fantastische Aussicht auf die schroffe Küstenlinie mit ihren zahlreichen Fjorden zu genießen. Die Befürchtung, unsere Fahrräder nähmen während des Transports wegen der schlechten Straße Schaden, stellte sich zum Glück als unbegründet heraus. Busfahren ist auf Island zwar keine billige, aber eine bequeme Art zu reisen. Aus Zeitgründen oder in unangenehmen Situationen wie einer schweren Panne oder schlechtem Wetter stellt der Bus ein praktisches alternatives Fortbewegungsmittel dar. Die Schönheit des EisesNun thronte er vor uns, der mächtigste Gletscher Europas: der Vatnajökull. Das im Sonnenlicht gleißende Eis überdeckt mit einer durchschnittlichen Dicke von 450 Metern eine Fläche von 8300 Quadratkilometern. Sein bekanntester Ausläufer mündet in den Lagunensee Jökulsarlón. Das Kalben des Gletschers an seiner Zunge veränderte das Aussehen des Sees ständig, so dass einem die "eiskalten" Motive quasi in die Fotolinse sprangen. Auch der Nationalpark Skaftafell liegt noch im "Einzugsgebiet" des Vatnajökull. Die mörderische Etappe über 140 Kilometern vom Vortag steckte uns noch in den Knochen, als wir die schönen Wanderwege beschritten, die uns durch - auf Island sehr seltenen - mannshohe Birkenwälder, zu dem von skurrilem Basaltgestein umgebenem Wasserfall Svertifoss und zum Gletscher Skaftafellsjökull führten. Der Süden und der Wald von ThorDie Ringstraße in Südisland verlief relativ flach vorbei am Vatnajökull durch öde Sander, leere, teilweise 1000 Quadratkilometer große Geröll- und Sandwüsten; 40 Kilometer einsam geradeaus. Kein Auto, kein Fahrradfahrer, aber Wind. Ich zählte die Begrenzungspfeiler. Die südlichste Spitze Islands bot aber wieder Abwechslung für das Auge. Steile grasbewachsene Hänge ließen schottisches Flair aufkommen. In Vík spazierten wir am schwarzen Sandstrand, besichtigten die bizarren Trollfelsen (Reynisdrangar) und konnten sogar eine große Kolonie Küstenseeschwalben beobachten. Eine empfehlenswerte Abwechslung zum Radfahren ist das Wandern. Wir hatten uns schon vor Antritt der Reise entschieden, mit dem Hochlandbus in das Gebiet Þórsmörk zu fahren, das zu den schönsten Landstrichen ganz Islands zählte und auch für den Trekkinglaien ohne professionelle Ausrüstung genug Wanderstrecken bot. Der Wald von Thor - so die Übersetzung von Þórsmörk - zog uns magisch in seinen Bann. Zerklüftete grüne Berghänge, steinige Täler, Gletscher und Birkenwälder schufen ein urzeitliches Panorama, das von der Zivilisation bisher fast unberührt blieb. Feuchtes ReykjavikDie landschaftlich uninteressanten, feuchten und von zunehmendem Verkehr belasteten Kilometer vor der Hauptstadt überbrückten wir mit dem Bus. Reykjavík zeigte sich die an letzten drei Tagen unserer Reise von seiner regnerischen Seite. Unsere Fahrräder trotzten dem Wetter, aber das Zelt hielt dem Dauerregen nicht mehr stand. Feuchte Schlafsäcke, nasse Schuhe und klamme Wäsche gefährdeten nicht nur die Gesundheit, sondern beeinträchtigten auch die Psyche. Lustlosigkeit und schlechte Laune waren die Konsequenz. Als die Sonne dann doch für wenige Stunden durch die Wolken lugte, nahmen wir die Gelegenheit war, die nördlichste Hauptstadt der Welt zu Fuß zu entdecken. Ihr Wahrzeichen, die Hallgrímskirkja mit ihrer imposanten Orgel war ebenso beeindruckend wie das moderne Shopping-Center Kringlan und die "Perle", ein Glas- und Betonpalast der Stadtwerke, der durch riesige Tanks die Umgebung mit heißem Wasser versorgt. Die futuristische Glaskuppel des Gebäudes, in der sich ein Restaurant befand, in dem schon Ex-Präsident Clinton speiste, drehte sich einmal in der Stunde um ihre eigene Achse. Relaxte IsländerDie Allgegenwart heißer Quellen und der unschlagbar günstigen Gebühr für Wasser im allgemeinen verhindert das Entstehen eines Energiebewusstseins. So ist es nicht verwunderlich, wenn in isländischen Haushalten auch im Sommer jeden Tag geheizt wird oder der Wasserhahn für ein paar Stunden ungenutzt läuft. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind ebenso Merkmale der Isländer wie ihre Unbekümmertheit. Letztere erfuhren wir am eigenen Leib, als am fast vollkommen verlassenen Flughafen unsere Fahrräder an der Sperrgepäckannahme stehen gelassen wurden, weil sich niemand dafür verantwortlich fühlte. Glücklicherweise lieferte uns der Gepäckservice der LTU nur einen Tag später (am Sonntag) die Bikes bis vor die Haustür. Trotz einiger Pannen, manchmal miserablen Wetters und hohen Preisen ist Island ein wildromantischer, außergewöhnlicher Ort voller Gegensätze. Es fordert den Radtouristen beträchtlich, honoriert die Strapazen aber mit monumentalen Naturkulissen und einem Schatz an Erfahrungen, den man niemals vergessen wird.
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