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© by Jens Sieckmann

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6. Tag: 29.06.2001, Borganes

Alle Bilder dieses Tages auf einen Blick.


Beschreibung: Radetappe; die große Panne
Strecke: Borganes - Vegamot (Fahrrad)
Vegamot - Borganes (Auto)
Kilometer: 44 (Fahrrad)
Schnitt: 17,3 km/h (Fahrrad)
Höhepunkte: Panne nach Borganes mit freundlicher Hilfe

Der heutige Tag sollte etwas besonderes werden. Um die humane Zeit von 9:30 Uhr starteten wir. Wir radelten aus Borganes Richtung Norden heraus, um die Umrundung der Halbinsel Snæfellsnes mit leichtem Rückenwind zu beginnen [1].

Bis zur Pause bei Kilometer 40 gab es keine besonderen Vorkommnisse. Es ging durch weite Wiesen und Moosfelder. Zur Rechten waren einige Kilometer entfernt die Berge zu beobachten. Als wir die Rast beendeten bemerkte ich, dass mein Hinterreifen kaum noch mit Luft gefüllt war. Ich vermutete einen schleichenden Platten. Den Verdacht sah ich bestätigt, als nach einiger Zeit der Reifen wieder platt war. Also den Schlauch gewechselt und das Hinterrad montiert. Plötzlich erkannte ich beim Rotieren des Rades eine leichte Acht, verursacht durch eine gelockerte (Hoffnung) ... nein, gebrochene (Verzweiflung) Speiche. Hier begann das Problem: Ich bekam das Ritzel mit der Kettenpeitsche, dem Ritzelschlüssel und dem Schraubenschlüssel nicht vom Rad. Jedes Mal wenn ich ansetzte, sprang der Ritzelschlüssel aus den Nuten des Ritzels. Wir mussten Druck auf die Achse ausüben, damit sich der Schlüssel nicht mehr löste. Alle Versuche mit Peters Hilfe waren vergeblich.

Ich suchte die Anglerhütte [2] in der Nähe auf, aber passendes Werkzeug war nicht aufzutreiben, obwohl man sich dort sehr hilfsbereit zeigte. Also versuchte ich mit dem Hinterrad zur nächsten Servicestation in Vegamot zu trampen. Peter wartete.

Nach einiger Zeit erbarmte sich ein Sportwagen dazu, anzuhalten und mich die 20 Kilometer nach Vegamot mitzunehmen. Mitnehmen ist gut. Der Fahrer preschte mit teuflischen 160 km/h über die Straße!

In Vegamot, das lediglich aus einer Servicestation bestand, suchte ich den Mechaniker auf, aber kein Mensch war da. Dennoch waren alle Türen das Hauses offen; eine nicht unübliche Sitte in den ländlichen Gegenden Islands.

In einem Abstellraum war ein Berg mit Werkzeug, Ersatzteilen, Tierkäfigen mit Kaninchen (!) und viel, viel Schrott zu erkennen. Dann plötzlich erschienen zwei kleine Mädchen. Ich fragte sie, ob ich das Werkzeug benutzen dürfte. Sie riefen ihrem Vater an, der wohl deswegen nicht anwesend war, weil er irgendwo seinem zweiten Job nachging. Auch das ist in Island Usus. Schließlich durfte ich das Werkzeug benutzen. Eine Schraubzwinge, die für meine Bedürfnisse wahrscheinlich das Richtige gewesen wäre, fand sich aber leider nicht. Argh.

Langsam verzweifelte ich. Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf: den Bus nehmen? Wohin? Zurück nach Reykjavík? Oder gleich Richtung Akureyri? Oder sollte ich es noch einmal selbst mit der Reparatur probieren? Wir verlieren einen Tag! Das bedeutet eine Umplanung!

Die beste Alternative, so entschied ich nach reiflicher Überlegung, war es, zurück nach Borganes zu fahren, um dort mein Glück zu versuchen. Ich hielt meinen Daumen erneut raus, und nach einiger Zeit hielt tatsächlich eine Auto an, in dem zwei nette Damen saßen. Die jüngere Fahrerin war Schwedin, die seit fünf Jahren hier auf Island lebte, die ältere Frau war ihre Mutter. Ich erläuterte ihnen meine Lage, und da sie sowieso nach Borganes wollten, nahmen sie mich mit.

Anglerhütte

Wir hielten an unsere Unfallstelle, an der Peter saß. Er hatte zwischendurch löblicherweise meinen Platten geflickt. Ich nahm meine Packtaschen und das Zelt noch mit in den Wagen, woraufhin die Fahrt weiter nach Borganes ging. Peter wollte unterdessen eine andere Mitfahrgelegenheit suchen, die ihn, seine Packtaschen, sein und mein Fahrrad mitnehmen konnte. Keine einfache Aufgabe.

Ich kam kurz nach 17:00 Uhr in der kleinen Stadt am Zeltplatz an und traute meinen Augen nicht. Der Platz, auf dem heute morgen noch vier Zelte standen, war nun mit mindestens 30 Zelten rappelvoll. Mit einem herzlichen Dank verabschiedete ich mich bei den Schwedinnen. Ich fand sogar noch ein paar freie Quadratmeter, auf dem unser Zelt Platz finden konnte.

Nun kam ich aber zu meinem Hauptanliegen: Ich lief mit Hinterrad und Werkzeug bewaffnet zur Esso-Servicestation, die mich aber nur weiter an einen Reifen-Monteur und eine Autowerkstatt verweisen konnte. Der Reifen-Monteur konnte mir nicht helfen, woraufhin ich als letzte Hoffnung die Werkstatt aufsuchte. Dort nahm sich ein netter weißhaariger Mann meines Problems an. Und was er besaß, war in diesem Moment Gold wert: eine Schraubzwinge! Beim zweiten Versuch (beim ersten hackte ich mir fast den Finger ab, aber ich wurde ärztlich versorgt) war das Ritzel vom Rad. Mit ölverschmierten Händen wusch ich mir den Schweiß von der Stirn. Gott sei Dank!

Auf dem Weg zurück zum Campingplatz traf ich den Deutschen, den ich ein paar Tage zuvor auf der Strecke zwischen Laugarvatn und Geysir kennen gelernt hatte, wieder. Es war ein Bild für die Götter, als ich mit meinem Hinterrad in der rechten Hand und er mit seinem Hinterrad in der rechten Hand zum High Five ansetzten. Okay, okay, es war nur ein ganz normaler Gruß. Bei seinem Rad war der Freilaufkörper defekt, weshalb er zur Reparatur den Bus nach Reykjavík und wieder zurück genommen hatte. Wir wünschten uns noch eine gute, pannenlose Reise und gingen beide unseres Weges.

Ich rief nun Peter auf dem Handy an, um ihm die frohe Botschaft mitzuteilen. Auch er konnte mit einer positiven Nachricht aufwarten, denn er hatte tatsächlich jemanden gefunden, der das Gepäck mitsamt den Fahrräder transportieren konnte. Er traf nur fünf Minuten später am Zeltplatz ein. Puh!

Wir luden alles aus dem Kleinbus des freundlichen isländischen Fliesenlegers aus, der von seiner Arbeit zurückkam. Nun hatten wir noch Zeit, um das Zelt aufzubauen, das Rad zu reparieren und das unerwartete, aber gut überstandene Reparatur-Abenteuer mit ein wenig Alkohol zu begießen.


5. Tag: Þingvellir - Borganes 7. Tag: Borganes - Hreðavatnskáli