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© by Jens Sieckmann |
FazitMuss man immer alles bewerten, benoten und resümieren? Eigentlich nicht, aber ich mach's trotzdem gerne. Eine Reise ist zwar kein Staubsauger, aber ein emotionales "Produkt", das persönliche Eindrücke hinterlässt, die anderen helfen können, ihre eigene Reise besser zu planen. Ein allgemeines Fazit zu ziehen fällt allerdings schwer, sobald man sich im Land mehr als ein paar hundert Kilometer bewegt, weil dann die Vielseitigkeit des Landes in Erscheinung tritt.
Die touristische Infrastruktur Chiles ist, wie oben bereits erwähnt, gut ausgebaut. Das vereinfacht das Reisen im Land ungemein. Dass man um sein Gepäck oder gar sein Leben keine Angst zu haben braucht, ist ein weiterer Pluspunkt. Mit Kriminalität wird der Reisende kaum konfrontiert, sofern er (vor allem in den Städten) die üblichen Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt. Ganz Chile zu durchqueren und es dabei auch noch zu genießen ist dem handelsüblichen Arbeitnehmer mit maximal drei Wochen Urlaub am Stück unmöglich. 4.000 Kilometer Nord-Süd-Ausdehnung sind einfach zu viel. Ich könnte es mir auch gar nicht vorstellen, innerhalb von vier Stunden aus der Wüste in die Gletscherwelt einzutauchen; von den Osterinseln und der Antarktis ganz zu schweigen. So lege ich denjenigen ans Herz, die intensive Erlebnisse dem oberflächlichen Überblick vorziehen, sich auf eine oder zwei Regionen zu beschränken. So vermeidet man es, mehr Zeit im Flugzeug oder Bus zu verbringen als in der Natur. Eben diese Natur ist der Schatz des Landes und der Grund seiner Besucher. Man kann es nur kennen lernen, wenn man die meiste Zeit über unter freiem Himmel ist, wandert, Rad fährt oder reitet. Dann ist es umso bedrückender, wenn das Wetter diese Aktivitäten vereitelt. Zwar kann man der Landschaft manchmal auch bei Regen eine gewisse Schönheit nicht absprechen, aber auf Dauer ist das kaum zu ertragen. Wir hatten in dieser Hinsicht im Seengebiet leider Pech. Wir sind an über zehn Vulkanen vorbeigefahren und haben keinen einzigen gesehen. Wir wollten Wanderungen in den Nationalparks unternehmen, liefen aber nur durch Matsch und Nebel. So saßen wir dann insgesamt länger im Auto als gewünscht.
Ein Mythos des Landes ist Patagonien. Die tolle Natur zieht viele Menschen an. Berichte über waghalsige Trekkingunternehmen, Bildbände mit fantastischen Landschaftsaufnahmen und Geschichten über Auswanderer faszinieren den Entdecker, der in jedem steckt. Doch die Warnung darf nicht ausbleiben: Wer sich zu sehr darin vertieft und sich damit identifiziert, wird seine Erwartungen in unermessliche Höhen schrauben. Enttäuschungen bleiben dann nicht aus, wenn man pitschnass im Dauerregen die völlig Wolken verhangenen Torres sehen möchte. Der Kultur- und Kunstbeflissene wir Chile wahrscheinlich gar nicht erst in die engere Wahl der Reiseziele aufnehmen. Etwas Leidensfähigkeit, Geduld und Improvisationstalent werden sich immer auszahlen und den Chile-Urlaub zu einem schönen Erlebnis machen. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass ich mich weniger genau über das Land informiert hätte, aber die vielen schönen Bilder und positiven Berichte ließen in meinem Kopf schon die perfekte Reise entstehen. Das war vielleicht ein Fehler. Unsere Flexibilität war durch die Vorbuchung der Inlandsflüge eingeschränkt. Zudem sind Stéphanie und ich eher planende als spontan Reisende. Unsere Reiseroute stand also schon relativ genau fest, die Torres-Tour war mit den Unterkünften reserviert. Theoretisch hätten war das Seengebiet nach ein paar Tagen schlechten Wetters über Bord werfen und zum Beispiel in den warmen Norden fliegen können. Aber das kam uns gar nicht in den Sinn und wir hätten uns damit auch schwer getan. Eine Studie besagt, dass eine Reise im Rückblick fast immer schöner ist, als zu der Zeit, in der man sie unternimmt. Auch wenn in meiner persönlichen Rangliste in Sachen Fernreisen meine bisherigen Ziele Neuseeland und Südafrika an der Spitze stehen, so will ich keinen durch meine nicht immer positiven Impressionen von einer Reise nach Chile abraten. Die Wetterfee kann halt nicht überall gleichzeitig sein.
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