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© by Jens Sieckmann |
13. Tag, 24.11.: Puerto Natales - Torres del Paine
Ein steinerner TraumAlle Bilder dieses Tages auf einen Blick. Heute begann unsere sechstägige Tour im Nationalpark Torres del Paine. Eine unglaubliche Premiere erlebten wir am Morgen. Um sechs Uhr störten lediglich kleine Wattebäuschen den perfekten blauen Himmel. Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns von Thomas. Er fuhr mit dem Bus nach Argentinien, um den Perito Moreno-Gletscher zu besichtigen. Nur ein paar Minuten später wurden wir abgeholt, um in den Park zu fahren.
Bereits die fast dreistündige Busfahrt war ein Erlebnis. Das Wetter erlaubte uns eine Sicht über viele Kilometer. Schafe und Rinder grasten auf sanft gewellten Weiden und wurden von Gauchos begleitet. Weiter in der Ferne wachten majestätische Bergriesen mit einer zuckerweißen Decke. Nicht weit von der Straße entfernt fotografierte Stéphanie wild lebenden Guanakos [1]. Schon 40 Kilometer vor dem Parkeingang beherrschte das Paine-Massiv die Landschaft. Fast ohne Wolken und Nebelschleier konnten wir seine ganze Pracht bewundern. Und zwar in doppelter Hinsicht, denn in der Laguna Azul spiegelte sich seine Atem beraubende Schönheit [2]. Am Eingang an der Laguna Amarga zahlten wir die saftige Gebühr von 10.000 Peso und nahmen gleich darauf den Anschlusstransfer zur Hosteria Las Torres. Hier schulterten wir unsere schweren Rucksäcke [3]. Der Beginn unserer allerersten Trekking-Tour. Die ersten Minuten waren furchtbar. Der Rucksack drückte auf die Schultern und rieb an der Hüfte. Aber alles halb so schlimm, die wilde Natur mit den zerzausten Bäumen, sprudelnden Gebirgsbächen und den mächtigen Bergen entschädigte uns sofort. Nach einiger Zeit hatte ich mich an die Last gewöhnt und variierte immer wieder die Riemeneinstellungen leicht. Nach einem flachen Teilstück entlang einer Bergflanke überquerten wir einen Fluss und bogen nach rechts Richtung Refugio Chileno ab. Der Weg wurde steiler und enger. Ich hatte nun doch mit dem Gewicht etwas zu kämpfen und konzentrierte mich voll auf meine immer kleiner werdenden Schritte. Alle paar Minuten drehte ich mich um, um den Ausblick auf den Lago Nordenskjöld zu genießen [4]. Ich zog die Jacke aus und krempelte die Ärmel hoch, denn mit der Anstrengung wurde es warm. Schweiß rann meinen Rücken herunter. Gerade stand ich noch in der wärmenden Nachmittagssonne und schon traf mich auf der Hügelkuppe ein schneidender Wind. Das Refugio [5] war schon in Sichtweite als plötzlich einige Schneeflocken fielen. Es war vermutlich nur los gewehter Schnee aus höheren Berglagen, aber dennoch eine weniger willkommene Abwechslung. Für heftige Wetterumschwünge war Torres del Paine bekannt.
Ich war über die Modernität des Refugios überrascht [6]. Ein gemütliches Holzhaus mit einer großen offenen Küche und einem Ofen, an dem die Reisenden ihre Wäsche trockneten. Der Koch bereitete gerade leckere Sandwichs zu, doch wir konzentrierten uns zunächst auf unseren mitgebrachten Essensvorrat. Die Zimmer erinnerten mich an meinen letzten - schon ziemlich weit zurückliegenden - Jugendherbergsbesuch. Nach zwei Stunden machten wir uns auf, um den ersten Höhepunkt des Parks zu besuchen, die nadelscharfen Granittürme "Las Torres". Vom Refugio Chileno liefen wir entlang des Flusses, in den zahlreiche kleine Bäche mündeten [7], durch einen lichten Südbuchenwald. Totes Holz verrottete grau und zersplittert am Boden. Teilweise lagen ganze Bäume mit einem Stammdurchmesser von einem halben Meter entwurzelt im Gras. Mit den Bergen in Sichtweite stiegen wir halb links hinauf [8]. Die Vegetation wurde immer spärlicher, der Weg immer steiniger. Schließlich beherrschten fast nur noch große Felsbrocken den markierten Pfad. Der Aufstieg war mühsam, aber wir hatten unser schweres Gepäck in der Hütte gelassen und waren nur noch mit einem Daypack unterwegs. Dann, nach Überwindung der letzten felsigen Hürden, standen sie vor uns, die drei Torres, königlich aufragend aus einem Bett aus Schnee und einer kleinen grau-grünen Lagune darunter [9]. Um die äußersten Spitzen tanzten Wolkenschleier, dennoch war das Erlebnis unverfälscht und einzigartig. Den besonderen Reiz der kargen Schönheit teilten wir mit vielen anderen Wanderern. Eine halbe Stunde genossen wir unsere Pause auf 1.000 Metern Höhe, schossen viele Fotos und nahmen uns dann ganz vorsichtig den nicht ungefährlichen aber unvermeidlichen Abstieg vor. Es wäre übertrieben zu sagen, dass dieser Tag bereits für die vergangenen eineinhalb Wochen Entschädigung genug wäre, aber es war ein guter Anfang.
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